Bocklemünd, Militärringstraße. Der erste Mai. Noch etwas frisch, aber sonnig. Für Männer mit Bollerwagen ist es wahrscheinlich noch zu früh. Dafür sind die ersten Spaziergänger und Radfahrer unterwegs. Morgens, gegen zehn. An einem Feiertag. Da stehen andere erst auf und sind nicht schon mit Sack und Pack unterwegs.

Wiederum andere haben ausgiebig in den Mai getanzt und sind jetzt auf dem Weg nach Hause. Zu welcher Gruppe ich gehöre, ist nebensächlich.

Auf dem Weg zur Bahnhaltestelle der Linie 4 habe ich einen Maibaum gefunden. Übrigens den einzigen. Und ich habe regelrecht danach gesucht. Zumindest, nachdem ich beinahe über dieses eine Exemplar gestolpert bin. Es lag nämlich am Boden vor einem Mehrfamilienhaus. Geschmückt mit blauem, gelben und rotem Krepppapier. Irgendwie süß. Schade, dass die Dame, die den Baum gestellt hat, ihn nicht wirklich gestellt, sondern eher gelegt hat.

An dem Bäumchen hängt ein Zettel, auf dem mit roter Farbe “Anna ich liebe Dich” steht. Ich hoffe, dass es in diesem Haus nur eine Anna gibt. Alles andere könnte Verwirrung stiften. Oder eine handfeste Schlägerei um den Maibaum. Eigentlich hätte ich Lust, zu warten, bis der Baum entdeckt wird. Heimlich hoffe ich außerdem, dass Anna lesbisch ist und der Baum von ihrer Freundin oder Verehrerin ist. Aber ich befürchte, die Mädels haben sich nicht daran gehalten, dass sie im Schaltjahr für die Maibäume zuständig sind. Dabei könnte frau sich die Mühe alle vier Jahre ruhig mal machen. Ist ja auch eine schöne Tradition. Und wer keinen Angebeteten hat, kann immer noch Schandbäume verteilen. Das macht sicher genau so viel Spaß.

Ja, ich fürchte, der liegende “Anna, ich liebe dich”-Baum, der mich fast zu Fall gebracht hätte, kommt von einem Mann. Es wäre auch zu schön gewesen: Hunderte Frauen nachts, bewaffnet mit Axt und Motorsäge, in den Kölner Parks und Vorgärten. 2012 werde ich mich mal auf die Lauer legen.