Bocklemünd, Militärringstraße. Der erste Mai. Noch etwas frisch, aber sonnig. Für Männer mit Bollerwagen ist es wahrscheinlich noch zu früh. Dafür sind die ersten Spaziergänger und Radfahrer unterwegs. Morgens, gegen zehn. An einem Feiertag. Da stehen andere erst auf und sind nicht schon mit Sack und Pack unterwegs.
Wiederum andere haben ausgiebig in den Mai getanzt und sind jetzt auf dem Weg nach Hause. Zu welcher Gruppe ich gehöre, ist nebensächlich.
Auf dem Weg zur Bahnhaltestelle der Linie 4 habe ich einen Maibaum gefunden. Übrigens den einzigen. Und ich habe regelrecht danach gesucht. Zumindest, nachdem ich beinahe über dieses eine Exemplar gestolpert bin. Es lag nämlich am Boden vor einem Mehrfamilienhaus. Geschmückt mit blauem, gelben und rotem Krepppapier. Irgendwie süß. Schade, dass die Dame, die den Baum gestellt hat, ihn nicht wirklich gestellt, sondern eher gelegt hat.
An dem Bäumchen hängt ein Zettel, auf dem mit roter Farbe “Anna ich liebe Dich” steht. Ich hoffe, dass es in diesem Haus nur eine Anna gibt. Alles andere könnte Verwirrung stiften. Oder eine handfeste Schlägerei um den Maibaum. Eigentlich hätte ich Lust, zu warten, bis der Baum entdeckt wird. Heimlich hoffe ich außerdem, dass Anna lesbisch ist und der Baum von ihrer Freundin oder Verehrerin ist. Aber ich befürchte, die Mädels haben sich nicht daran gehalten, dass sie im Schaltjahr für die Maibäume zuständig sind. Dabei könnte frau sich die Mühe alle vier Jahre ruhig mal machen. Ist ja auch eine schöne Tradition. Und wer keinen Angebeteten hat, kann immer noch Schandbäume verteilen. Das macht sicher genau so viel Spaß.
Ja, ich fürchte, der liegende “Anna, ich liebe dich”-Baum, der mich fast zu Fall gebracht hätte, kommt von einem Mann. Es wäre auch zu schön gewesen: Hunderte Frauen nachts, bewaffnet mit Axt und Motorsäge, in den Kölner Parks und Vorgärten. 2012 werde ich mich mal auf die Lauer legen.


2 comments
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5. Mai 2008 um 9:28
domi
Wiewas, nur so wenige Maibäume? Ich seh das anders. Am Wochenende waren wir in der Eifel, von der ich erwartet hättte, dass sie die maibaumreichste Gegend der Republik ist. Aber als wir nach Köln zurück kamen, ist mir aufgefallen, dass hier viel mehr Bäume stehen – jedenfalls in meinem Veedel. Ich glaube, dass sich der Maibaumbrauch grundlegend gewandelt hat: Während die Bäume früher vor allem auf dem Land gesetzt, gestellt oder gelegt wurden, gibt es heute in den Städten viel mehr davon. Ich vermute, es liegt daran, dass auf dem Land heute überwiegend ältere Menschen leben – die paarungsreifen eben in den Städten. Ich finds jedenfalls nett, die bäume sorgen für farbe und gerüchte.
7. Mai 2008 um 12:22
Pierre
bocklemünd: meine Station!
Aber ich habe nichts mit dem Baum zu tun.
Nette kleine Geschichten.