Haltestelle Christophstraße/Mediapark, Linie 15 Richtung Ubierring. Die Bahn ist erfrischenderweise nicht proppenvoll. Ist ja noch nicht mal zehn. Nachmittags siehts hier ganz anders aus. Bei dem Wetter kann man auch langsam wieder unter Schweißaxeln von großen Menschen stehen, die sich irgendwo festhalten. Aber darum gehts gar nicht (noch nicht, erst ab – sagen wir – Juni)
Ich steige also (zugegeben, auch ein bisschen verschwitzt) ein und bleibe direkt neben der Tür stehen. Am Ebertplatz muss ich wieder raus, da lohnt sich setzen nicht. Mir gegenüber, an der anderen Tür, sitzt ein Bayer im Rollstuhl. Die Krachtenlederne an, besticktes Hemd, Hut mit Gamsbart und roten Steinchen drauf.
Als selbst bekennender Freak starre ich andere Freaks nicht an – aber mal ehrlich: bayerischer Trachtenjanker in der Kölner Bahn? Muss das sein? Ich ignoriere ihn samt all den anderen Passagieren und bestaune draußen die Schönheit des Ubahntunnels Richtung Hansaring. Also eigentlich gucke ich nur gradeaus und hake in meinem Kopf die to-do-Liste des Tages ab.
Da spricht mich mein bayerischer Freund an (da sind so viele Menschen, aber nein, ich krieg ein Gespräch gedrückt): “Schönen Gruß vom Radlager.” hä? “Ich kenn das von BMW – aber das können sich die Kölner nicht leisten. ” (was jetzt, BMWs oder Radlager?) “Von weitem hört sich das an, als würd ein Panzer kommen.”
Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, um was es geht. Linie 15 fährt brav und vorschriftsmäßig Richtung Hansaring. Kein Quietschen, kein Rumpeln, kein Radlagergeräusch. Oder blende ich das mitlerweile aus?
Kurz vorm Hansaring dann ein, wieder an mich gerichtetes “Na dann noch viel Spaß in Deutschland und bei den Kölnern. Oder kommste mit?” äh, nee, ich muss die nächste raus. “Na dann, Mädel, ärger dich nicht so viel über die Kölner. Die sind sowieso eingebildet, auf was sie alles schönes haben. Servus. Pfueti.” Und damit verlässt er, über Köln schimpfend, die Bahn.

Außerdem hinterlässt er mich mit drei Fragen:
- warum suchen sich solche Menschen immer zielsicher mich heraus?
- sieht man mir an, dass ich kein geborener Kölner bin? (falls ja, wie sehen die aus?!?)
- darf ein Bayer in bayerischem Outfit in Kölner Bahnen fahren und lauthals über Köln schimpfen?
Circa drei Stunden später stehe ich am Hauptbahnhof auf einer Rolltreppe. Ich komme von den unterirdischen Gleisen und möchte ans Tageslicht. Genauer gesagt, zum Rathaus zu einer PK. Den Bayer habe ich mehr oder weniger wieder verdrängt, ich bin satt und verhältnismäßig seriös gekleidet.
Der Mensch vor mir auf der Rolltreppe furzt.
Heute ist echt nicht mein Tag.


2 comments
Comments feed for this article
27. Mai 2008 um 1:17
Anonym
okay, sieh es positiv: die bahn- und rolltreppenfahrten anderer leute (wie mir etwa) sind meist sterbenslangweilig. Oder bin ich die einzige die unterwegs nie irgendwen kennenlernt? Kann ich das ändern?
27. Mai 2008 um 8:25
Julian
Den Bayer hab ich auch schon gesehen, und mich mal umgehört: Der ist anscheinend stadtbekannt, immer am Motzen und wird deshalb entweder Grantl-Opa oder schlicht Bayern-Opa genannt…