Neustadt-Nord/Kunibertskloster. Der Kaffeautomat tropft. „Wir sind gleich dran“. Er legt seine linke Hand auf ihre Schulter, mit der rechten hält er seinen Stock. Sie erwidert etwas, doch aus ihrem Mund kommen keine Worte. Zwei Schlaganfälle, die man ihr nicht ansieht. Lippenstift aufgetragen, eine Strickjacke mit silbernen Pailletten, Schuhe mit silbernen Spangen. Sie vertieft sich wieder in die „Bunte“. Ihre Brille trägt sie auf der Nasenspitze, das Heft liegt auf dem Schoß. Er linst über ihre Schulter ins Heft. Irmgard und Helmut heißen sie. Wohnen in Ossendorf. Kommen seid 20 Jahren schon hier in die Ambulanz – immer wenn sie krank sind. Kennen die Ärzte hier persönlich. Das Regenwetter sei ja nichts für ihn. Irmgard wird wieder unruhig.
Er sagt, sie sei zu ungeduldig. Der nächste Patient wird aufgerufen. Es sind nicht Irmgard und Helmut. Trotzdem steht sie auf und geht los, bis zur Tür des Wartezimmers. Sie verschränkt die Arme auf dem Rücken, dreht sich wieder um, setzt sich wieder hin und nimmt die „Bunte“.
Auf dem Flur rollen zwei Sanitäter eine Trage heran. Darauf ein Mann im Blaumann. Das linke Hosenbein ist eingeschnitten, ein Druckverband angelegt. Sein Schicksal wird den Schwestern übergeben, ein kurzer Wortwechsel: „Unfall mit Kettensäge“ und „Herzrasen“. 20 Stiche werden mindestens nötig sein.
Ärzte, Schwestern und Pfleger halten sich zeitgleich in den Fluren und Räumen auf, empfangen und befragen Patienten, sitzen am Tresen und füllen Formulare aus, telefonieren oder greifen sich Spritzen, Ampullen, Becher. Trotzdem ist es mitten in diesem Gewusel ruhig, die Stimmen sind gedämpft, die Schritte auf Turnschuhen, Sandalen und Pantoffeln leise.
Ein kleines Mädchen kommt mit Oma und Mama aus einem der Behandlungsräume. Ihre Augen sind gerötet. Ihre Mama hält sie fest an der einen Hand. In der Anderen hält sie zwei aufgeblasene Einmalhandschuhe, auf beide Ballons ist ein Gesicht gemalt. Es lächelt. „Gehen wir morgen wieder hin?“, fragt das Mädchen. Jetzt lächelt auch die Mutter. Oma auch. Sie gehen an dem Kaffee-Automaten vorbei. „Einbruch zwecklos“ steht unterhalb des Münzeinwurfes auf einem kleinen Schild. Der Münzbehälter würde jeden Tag geleert. Der Mülleimer darunter auch: Ein übergewichtiger Pfleger stapft herein, schnauft, stöhnt, stößt gegen den Wagen, auf dem einige Porzellantassen gestapelt sind. Das Klirren weckt eine dösende Patientin, diese schreckt auf. „Schuldigung“ nuschelt der Pfleger und verschwindet.
Irmgard und Helmut sind immer noch da und immer noch nicht dran. Alle anderen Patienten schon. „Wir sind gleich dran“, sagt er zu ihr. Sie versucht zu antworten. Niemand versteht sie, er versteht sie. Er stützt sich mit seinem Stock ab, steht auf, nimmt ihre Handtasche, kramt, findet den Kamm, überreicht ihn ihr. Bevor sie zum Doktor gerufen wird, will sie sich frisieren. Abwarten kann sie nicht mehr. Sie steht auf, er geht hinterher. Sie stellen sich schon einmal vor das Behandlungszimmer. Er dreht sich um, sagt „Wir sind jetzt dran“. Der Kaffeeautomat tropft.
Foto: Dank an francisbonte


2 comments
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31. Mai 2008 um 9:40
Peter
Oh, ja, ich hab auch schon öfter im St. Marien gesessen und gewartet. Gefallen mir sehr gut die Beobachtungen!
4. Juni 2008 um 5:40
sina
toller text, gefällt mir. schreibst du auch bücher in der freizeit? ich würd eins kaufen…