Trankgasse / Excelsior Hotel Ernst. Einige Gäste checken aus. Sie sind so gekleidet, dass jeder sieht, wieviel Geld sie haben. Ob Pelzmantel, Designeranzug oder funkelnde Schmuckstücke um den Hals – das Fünf-Sterne-Hotel in der Nähe des Doms bedient das Klischee von Luxushotel-Gästen absolut. Da fühle ich mich mit meinen Jeans und den Turnschuhen ein wenig unwohl.
Die Empfangsdame hatte mir fünf Minuten zuvor gesagt, ich könnte mich in den Wintergarten setzen und einen Kaffee trinken. Da sitze ich nun. Ohne Kaffee. Denn ich habe Angst davor, ihn später bezahlen zu müssen. Ganz abgesehen davon, dass der große, schlacksige Hotelangestellte nur alle zehn Minuten kommt, um Bestellungen aufzunehmen. Jedes mal verbeugt er sich fast vor den Gästen, legt seinen rechten Arm auf den Rücken und zeigt ihnen seine Untergebenheit. Also, das wär kein Job für mich. Zu spießig. Aber der junge Herr ist nett und bahnt sich irgendwann auch seinen Weg zu mir. Komischerweise verbeugt er sich vor mir nicht. Schade. Das hätte dafür gesorgt, dass ich mich besser fühle.
Plötzlich betritt ein Junge, um die 16 Jahre alt, den Wintergarten. In Jeans und Turnschuhen. „Verwöhnter Schnösel“ schießt es mir durch den Kopf. Aber er sorgt wenigstens dafür, dass ich nicht mehr so auffalle. Seinen Auftrag kenne ich nicht und erfahre ihn auch nicht. Er erhält zwei Briefe von einer merkwürdigen Frau und wird knallrot im Gesicht. Dann verlässt mein Verbündeter das Hotel.
Während ich noch so dasitze und von einem Leben im Luxus träume, beginnt die Zeit der Business-Meetings. Eine Gruppe, bestehend aus einem Mann und einer Frau (beide deutsch) und einem Engländer begeben sich zu einem noch freien Tisch. Sobald der Engländer noch einmal „für kleine Königstiger ist“, tüfteln die anderen beiden eine Gesprächsstrategie aus. Ich schnappe Stichworte wie „Gesamtschule“, „Unterschriften“, „300 Euro“ und Ausdrücke wie „nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, wir brauchen ihn noch“. Interessant.. Ich wittere einen Skandal. Der Engländer kommt wieder, ahnungslos, und das Meeting beginnt. Unglücklicherweise sprechen sie zu leise. Mist. Der große Skandal bleibt im Dunkeln.
Die zwei Damen und zwei Herren in der anderen Ecke des Wintergartens sprechen so leise, dass ich nicht einmal erahnen kann, ob ihre Unterhaltung wichtig ist. Wahrscheinlich plaudern sie nur, während sie ihren Kaffee trinken. Einer der Männer – vermutlich 75 bis 80 Jahre alt – hat ein Baseball-Cap auf und trägt eine Sonnenbrille. Also, ich habe früher immer gelernt, dass die Kappe vom Kopf kommt, sobald man sich an den Tisch setzt…
Die Dame, die ihm gegenübersitzt, ist eine von diesen typischen Junggebliebenen in ihren Fünfzigern. Da hat der Doktor gute Arbeit geleistet. Sie zieht ihren Lippenstift nach. Zehn Minuten später erhebt sie sch von ihrem gepolsterten Sessel, geht zu dem alten Mann und macht dasselbe bei ihm. Allerdings nicht mit ihrem Lippenstift, sondern mit farlosem Lippenbalsam, vermute ich jedenfalls. Das ist bestimmt kein Labello, sondern selbstverständlich die Sonderanfertigung von Chanel.


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