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Nein, eigentlich sehe man sich schon ganz gerne vorher an, wer da für acht Wochen ins Zimmer kommt, schreibt die Frau. Der Frau gehört ein kleines Zimmer in einer kleinen WG in einer kleineren Stadt. Das Zimmer ist ungefähr ein Drittel billiger als der Marktpreis in der Stadt, hat Telefon, Internet, sogar ein Süddeutsche-Abo. Gerade eine Mitbewohnerin wolle schon die Person treffen, mit der sie sich zwei Monate lang Küche und Bad teilen soll. Man melde sich wieder.
Glockengasse. Die perfekt geschminkten Lippen verziehen sich zu einem Lächeln. Tomatenrot. Aber kein herzliches Lächeln, sondern nur so ein Mundwinkel-Nach-Obenziehen mit zusammengepressten Lippen. Perfekt nachgezogenen zusammengepressten Lippen selbstverständlich. Man erwartet ein „Was-kann-ich-für-sie-tun?“ aus diesen Lippen. Der Lidstrich akkurat nachgezogen, die Wimpern weit nach oben getuscht, klumpenfrei natürlich, so dass der Blick offen ist. Die schulterlangen Haare, honigblond würde die Werbung wohl sagen, fallen in einer sanften Auswärtsbewegung auf die Schultern. Keines tanzt aus der Reihe. Dunkelblauer Anzug. Die dezent manikürten Hände, nicht lang und mit Glitzersteinen wie bei den Verkäuferinnen bei Edeka, rücken hier ein Fläschchen zurecht, ziehen da an der Tischdecke, richten ihr türkisgoldenes Seidentuch, dass in einem X-gefaltet um den Hals liegt. Der Blick dabei aber immer auf die Tür gerichtet, immer ein „was-kann-ich-für-sie-tun?“ auf den Lippen. Kling-klong, die Türklingel geht. Read the rest of this entry »
„Und wie oft war Deutschland schon Weltmeister?“ Der Mann ist nicht größer als 1,60 m und hat graue Haare. Er geht gebückt, trägt eine abgewetzte Kappe und blickt den Mann ihm gegenüber aus dunklen Augen an. Er zieht einen Karren mit leeren Glasflaschen hinter sich her. Deutschland steht seit einer Stunde im Finale der Europameisterschaft 2008. Read the rest of this entry »
Trankgasse / Excelsior Hotel Ernst. Einige Gäste checken aus. Sie sind so gekleidet, dass jeder sieht, wieviel Geld sie haben. Ob Pelzmantel, Designeranzug oder funkelnde Schmuckstücke um den Hals – das Fünf-Sterne-Hotel in der Nähe des Doms bedient das Klischee von Luxushotel-Gästen absolut. Da fühle ich mich mit meinen Jeans und den Turnschuhen ein wenig unwohl.
Melaten: Wer an einem verregneten Dienstagmorgen absolut nichts erleben will, sollte auf den Melaten-Friedhof gehen. Kein Mensch ist mir begegnet, nur ein Eichhörnchen über den Weg gelaufen. Bei meinen Eltern im Garten steht eine riesige Linde, dort kann ich mich an Eichhörnchen erinnern. In Köln habe ich bewusst noch keins gesehen. Vielleicht sollte ich mehr rausgehen und nicht immer fleißig in meinem Zimmer recherchieren. Mehr Sport wäre auch nicht verkehrt. Read the rest of this entry »
C&A. Schildergasse 60-68. Grüne Kappe, grüner Pulli. Das ist Bobby. Zumindest ruft ihn sein Bruder (rote Kappe, roter Pulli) so. Er ist sein Bruder, dazu braucht es definitiv keinen Vaterschaftstest. Meine Vermutung stimmt also: Montags morgens gehen nur Verrückte einkaufen. Oder Engländer. Bobby ’s Daddy braucht eine neue Hose, und die kann er natürlich am besten in Deutschland kaufen – wo er schon mal da ist. C&A statt Dom und Rhein. Während Daddy sich gerade von Mummy beraten lässt… Read the rest of this entry »
Eigelstein. Wer je in einer Dönerbude am Eigelstein war, weiß: Das sind keine Buden, sondern kleine Restaurants, in denen sich der Dönerspieß nur noch aus Nostalgie um die eigene Achse dreht. Außer unbelehrbaren Studenten kommt niemand auf die Idee, sich hier triefendes Hähnchenfleisch in Fladenbrot zu bestellen. Jedenfalls nicht um elf Uhr morgens.
Bahnhof Ehrenfeld. Es schien ein ruhiger Abend zu werden: Die Sonne verabschiedete sich mit einem letzten Flackern, ein paar Vögel flatterten müde in ihre Nester zurück und im Café Goldmund am Bahnhof Ehrenfeld gähnte die Bedienung nach einem langen Tag zwischen Kuchentheke und Bücherregalen der Nachruhe entgegen. Doch plötzlich, genau um 22.32 Uhr, geschah es. Read the rest of this entry »
Breslauer Platz. „Sie sehen aus wie Mutti“, sagt er. Er trug zerbeulte Klamotten und schob einen Einkaufswagen vor sich her. „Lieber ganz schnell weitergehen“, dachte ich. Read the rest of this entry »
Alles im Blick. Das stimmt allerdings. Jedenfalls fühle ich mich die ganze Zeit beobachtet. Dabei bin ich doch Beobachter, Zuschauer, um genau zu sein. ZDF-Zuschauer. Zumindest für die Abende, an denen das ZDF bei der EM an der Reihe ist. Da sitze ich also und will zuschauen und dabei schaut mir etwas zu. Read the rest of this entry »
Appellhofplatz-Friesenplatz. Ein tätowierter Mann und eine blonde Frau, die – wie ich später erfahre – Biggi heißt, steigen am Appellhofplatz gleichzeitig mit mir in die Bahn ein. Eine Schwarzhaarige, nennen wir sie mal Petra, scheint den Kerl zu kennen. Und ich kenne Petra. Vom Sehen jedenfalls. Dieses aufgedunsene Gesicht, die solariumgebräunte Haut, die schwarzen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Ihr Gesicht sieht aus als würde es platzen, wenn man gegen die gespannte Haut drücken würde. Sie ist mir schon einmal in der Bahn aufgefallen, weil sie jeden Menschen mit ihrer Leidensgeschichte vollgeblubbert hat. Read the rest of this entry »
Chirurgen in blauen Kitteln stehen um den Operationstisch herum und legen behutsam Hand an dem Patienten vor Ihnen an. Nächste Szene. Der Patient ist zurück auf seinem Zimmer. Ein Arzt ist gekommen und redet mit fröhlichem Gesichtsausdruck auf ihn ein. Schnitt. Der Patient steht auf Krücken im Foyer des Krankenhauses, ein Arzt schüttelt ihm die Hand und winkt ihm zum Abschied hinterher. Glaubt man diesem kurzen Stummfilm, dann ist man in der MediaPark-Klinik wirklich bestens aufgehoben.
Köln, Subbelrather Straße. 26 Waschmaschinen stehen in dem Waschsalon „Eco-Express“ in der Subbelrather Straße, doch an diesem Morgen sind nur fünf von ihnen in Betrieb. Das Sonderangebot, 1,90 Euro pro Waschladung gilt nur bis 10 Uhr, deshalb sind jetzt, um halb elf, nur noch sehr wenige Kunden hier. Einen Querschnitt der Kunden des Waschcenters zu bilden, ist wohl unmöglich.
hamburg ist die weltoffene metropole mit dem vielen wasser. an den schönsten ecken kann man kilometerweit über die alster schauen. am hafen laufen schiffe in die weite welt aus, und wenn man auf den ufermauern der elbe sitzt, womöglich noch mit einem bier in der hand, kann man von fernen ländern träumen wie nirgendwo sonst.
köln hat den dom und den friesenplatz. überall herrscht gepflegte enge. die stadt ist der perfekte ort für kleinbürger, spießer und prolls. ich distanziere mich hiermit von der stadt meiner kindheit. wenn auch nur, um euch herauszufordern. Read the rest of this entry »
Hey. Psst! Hier oben. Nein, nicht am Altar – hier rechts bei der Maria-Figur.
Ah, richtig, jetzt siehst du mich. – Der Blick bleibt am Jesuskind hängen – Es kommen so selten junge Leute hier rein. Und dazu ist es immer so langweilig hinter diesen kalten Mauern. Read the rest of this entry »
Frieden, Liebe und ein bisschen Konsumismus
Köln. Neusser Straße. „Euromarkt“. Der Laden ist leer. Das kann natürlich daran liegen, dass es Montagmorgen ist, 11 Uhr. Oder aber weil nie jemand in diese Ein-Euro-Läden reingeht, um Gläser bedruckt mit den Helden der WM 2006 zu kaufen, oder Aschenbecher mit zu kleiner Aschfläche, so dass sie sich nur für Nichtraucher eignen. Oder gebrauchte Schwimmflossen und billige Lederjackenimitate. Oder Kartoffelchips aus Ländern, die ich weder politisch noch geografisch einwandfrei einordnen könnte. Meine absoluten Favoriten aber sind zwei Kaffeetassen. Eine Keramikherzhälfte ragt an jeder raus. Wenn man die Tassen zusammenstellt, verbinden sich die Hälften, man sieht das ganze Herz. Ware Liebe. Die Besitzerin denkt vermutlich, dass ich irgendwas klauen will. Read the rest of this entry »
Im Dom erzählen die Leute viel über das Kölner Wahrzeichen und Einiges über sich selbst.
Als es läutet steht die Frau mit ihrem schwarzen Kostüm, ihren weißen Haaren und ihrer weißen Haube noch draußen und blickt zu den zwei schwarzen Türmen hinauf. Während ihr deutlich jüngerer Begleiter den Schirm über sie hält, klammert sie sich an ihre Gehhilfe. Ihr gebückter Rücken sieht nach Erfurcht aus, wahrscheinlich lässt die Gesundheit oder das Alter aber keine andere Haltung zu. Jedenfalls wird sie zu spät kommen, denn als ich das große Klassenzimmer betrete, hat der Unterricht schon begonnen. Read the rest of this entry »
All you can sun und andere Bedürfnisse
In diesem Sonnenstudio ist manchen Gästen sommerliche Bräune herzlich egal: Sie haben andere Bedürfnisse. Und zwar „menschlische“, das weiß auch die Studioleiterin. Der Kölsche Klüngel lässt grüßen: Die Taxifahrer vom Stand gegenüber dürfen sich auf der Toilette des Studios erleichtern, dafür darf das Sonnenstudiopersonal zum Einkauf ausladen das Auto auf den Taxistand stellen. Read the rest of this entry »
Ein paar Meter weiter links und die Obdachlosen-Station Gulliver „In den Bahnhof-Bögen“ wäre „Unter der Brücke“. Die Bahnhof-Bögen sind der Unterbau für die Schienen, die von der Hohenzollernbrücke zum Hauptbahnhof führen. Im letzten dieser Bögen befindet sich Gulliver. Für ein paar Stunden täglich kann hier jeder herkommen und etwas essen, sich waschen, telefonieren, im Internet surfen oder einfach nur da sitzen, an einem Tisch, auf einem Stuhl, in einem Raum. Wenn man möchte sogar an einem Fenster mit Blick auf den Rhein. Read the rest of this entry »


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